Kampfmittelbeseitiger – ein Beruf wie im Film?
Stetten am kalten Markt, 01.02.2010.
Noch 20 Sekunden, dann wird die Bombe explodieren. James Bond starrt verzweifelt auf ein rotes und ein gelbes Kabel. Zitternd überlegt er, was er tun soll, während die Zeit immer schneller verrinnt. Welches Kabel soll er durchtrennen? Nimmt er das richtige, ist er gerettet, doch das falsche würde den sicheren Tod bedeuten. Der Countdown läuft, die Uhr tickt gnadenlos. Er muss jetzt sofort handeln. Noch einmal blickt er zwischen den beiden Kabeln hin und her, dann nimmt er ein Messer und schneidet.

Dieses Bild aus Hollywoodstreifen hat wohl fast jeder vor Augen, wenn es um Kampfmittelbeseitigung geht. Doch wie viel hat diese Vorstellung mit der Wirklichkeit zu tun und ist der Beruf wirklich so gefährlich?
Hauptfeldwebel Markus Hiemer kann über solche Geschichten nur schmunzeln. Er gehört zum Zentrum für Kampfmittelbeseitigung der Bundeswehr (ZKpfmBesBw), einem Spezialverband der Bundeswehr in Stetten am kalten Markt und ist dort inzwischen als OrgFw, zuständig für die Einsatzplanung der Kampfmittelbeseitiger, eingesetzt. Dort werden Soldaten zu Kampfmittelbeseitigern ausgebildet. Sie lernen das unschädlich machen und Beseitigen von Bomben, Handgranaten und jeder Art von Kampf- und Sprengmitteln.
Ein spannender Beruf, in dem man manchmal im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Feuer spielt. Trotzdem hat der Job wenig mit den dramatischen Szenen aus dem Kino zu tun. Hiemer berichtet, dass man in einer umfangreichen Ausbildung lernt, wie man mit riskanten Situationen umgeht. „Wir haben verschiedene Möglichkeiten.“, erklärt er. So werden unter anderem Hunde eingesetzt, um Sprengmittel zunächst ausfindig zu machen. Hat das Kampfmittelspürhundeteam etwas gefunden, kommt der ferngesteuerte Manipulator tEODor zum Einsatz, eine Art Roboter. „Er hilft uns das Objekt, aus sicherer Entfernung, zu identifizieren bzw. zu beobachten und unschädlich zu machen.“ Auf einem Monitor sieht der Kampfmittelbeseitiger Bilder , die tEODor mit seinen kleinen Kameras übermittelt. Wenn schließlich fest steht, um welche Art von Kampfmittel es sich handelt, kann tEODor helfen das Objekt unschädlich zu machen oder zu beseitigen.

Der Weg zum Spezialisten
Erst wenn alle diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, muss der Kampfmittelbeseitiger den 45 Kilogramm schweren Schutzanzug anlegen und sich selber in Gefahr begeben. Doch selbst in einer solchen Situation habe er keine Angst, versichert Markus Hiemer. „Da überlege ich eher, wie ich mich am besten mit dem schweren Anzug hinknie, damit ich später auch wieder aufstehen kann.“, erzählt er lachend. „Erst nachher denke ich darüber nach, was alles hätte passieren können.“ Auf die Frage, wie er zu diesem Beruf gekommen ist, antwortet der Hauptfeldwebel, dass es bei ihm eher Zufall gewesen sei.
„Das erste mal bin ich mit Kampfmittelbeseitigung bei der Ausbildung in Berührung gekommen.“ Danach habe er sich mehr für Feuerwerkerei interessiert und schließlich die Ausbildung zum Kampfmittelbeseitiger gemacht. Ihn habe die Vielfalt dieses Berufes beeindruckt, weil man viel über Elektronik und den Aufbau von Waffen lernt und auf der ganzen Welt Einsätze hat. Doch um wirklich Kampfmittelbeseitiger zu werden, erfordert es eine Menge Durchhaltevermögen und Entschlossenheit. „Da muss man sich schon auf den Hosenboden setzten, frei nach unserem Motto‚ bei strenger Pflicht getreu und schlicht’“, sagt Markus Hiemer augenzwinkernd.

Auf alles gefasst sein
Am Ende dieser langen und auch manchmal harten Ausbildungszeit steht ein wirklich spannender Beruf. „Es gibt keinen Stillstand. Und Langeweile kommt bei uns nie auf.“, sagt Hauptfeldwebel Hiemer. Er erklärt, dass er nie gleich reagieren dürfe, weil der Feind sein Verhalten austestet. „Unsere Arbeit ist wie ein Katz- und Mausspiel“ , sagt Hiemer. „Wenn wir eine Methode der gegnerischen Seite durchschaut haben, entwickeln sie eine neue.“ Aber genau das mache den Beruf so interessant, sagt er. Es kommt kein Alltagstrott bei den Kampfmittelbeseitigern auf, da es immer neue Kampfmittel gibt, auf die sie sich vorbereiten müssen. An jedem Einsatzort finden sie eine andere Situation vor, müssen sich genau auf diese Begebenheit einstellen.
Es erfordert viel Konzentration und Fingerspitzengefühl, um dann wirklich erfolgreich seine Arbeit zu machen. „Da muss man schon was im Kopf haben.“, meint der Hauptfeldwebel. Denn auch wenn es viele Sicherheitsvorkehrungen gibt, bleibt der Beruf eines Kampfmittelbeseitigers immer gefährlich.„Wir machen dort unsern Job, wo andere weglaufen“, sagt Markus Hiemer. „Aber ein Feuerwehrmann geht auch in ein brennendes Haus und begibt sich in Gefahr, um Menschen zu retten.
So ähnlich ist das bei uns auch.“ Hiemer berichtet von einem Einsatz in Afghanistan, bei dem fast nichts zur Routine wird. Manche Beseitigung sei eine große Herausforderung und berge auch erhebliche Gefahren: „Dann feiere ich abends auch manchmal den zweiten Geburtstag und bin froh; alles heil überstanden zu haben.“ So gibt es sie dann manchmal doch, die hollywoodreifen Erlebnisse. „Aber die blieben zum Glück die Ausnahme.“, sagt Markus Hiemer lächelnd.
Bilder
tEODor: Wichtiges Hilfsmittel der Spezialisten. (Quelle: Bundeswehr)
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