Dienen mit Handicap
„Ich bin stolz darauf meinen Dienst täglich trotz Behinderung zu 100 Prozent und mit viel Freude ausüben zu können“, so Stabsfeldwebel Thomas Reiner. Vor mehreren Jahren hat ihn ein Schicksalsschlag getroffen – die Diagnose Multiple Sklerose. Nach dem ersten Schock, hat sich Reiner nicht unterkriegen lassen – voller Motivation leistet er genauso wie jeder andere Soldat täglich seinen Beitrag zur Auftragserfüllung der Streitkräfte. Zusätzlich engagiert er sich für alle schwerbehinderten Menschen in seinem Zuständigkeitsbereich und bietet ihnen eine besondere Möglichkeit an.

„Sicherlich kann ich nicht mehr einen Zug gefechtsmäßig durch den Wald führen, aber meine Aufgabe kann ich immer noch bestens bewältigen“, erzählt Reiner. Als gelernter Personalfeldwebel arbeitet er jetzt im Streitkräfteamt in Bonn im Dezernat Betreuung und Fürsorge. Dabei organisiert, plant und begleitet er Seminare für Freizeitberater in der Bundeswehr. „Allerdings bin ich durch meine fordernde Aufgabe als Personalratsmitglied und Vertrauensperson der schwerbehinderten Menschen im Streitkräfteamt vollständig gebunden“, so Reiner. „Und diese Menschen liegen mir auch besonders am Herzen.“

Erster Ansprechpartner
In dieser Funktion ist Reiner erster Ansprechpartner für alle schwerbehinderten Menschen des Amtes. Als Betroffener fällt es ihm leichter die Sorgen, Nöte und Ängste der Schwerbehinderten zu verstehen, denn der Dienst als solcher ist manchmal nicht einfach. „Das beginnt mit dem Weg zum Dienst“, so Reiner. Dafür hat er eine Lösung gefunden – sogar mit Unterstützung der Bundeswehr. „Ich habe mein Auto mit einem Automatikgetriebe und einem Lenkradknauf, mit dem ich alles Wichtige bedienen kann, behindertengerecht umbauen lassen“, so Reiner. „Die Kosten für diesen behinderten bedingten Umbau hat die Wehrverwaltung komplett übernommen.“

Kleine und große Probleme
Auch sein Arbeitsplatz ist bestens auf ihn ausgerichtet. „Da ich durch meine linksseitige Lähmung nicht zweihändig arbeiten kann, habe ich eine Einhandtastatur und ein Headset“, sagt Reiner. „Mit einem speziellen Stuhl bin ich dann bestens ausgestattet, um hier meine volle Leistung zu bringen.“ Mit Problemen hat er trotzdem immer wieder zu kämpfen. Treppen, die nur links ein Geländer haben, kann er nur schlecht benutzen. „Doch das sind eigentlich nur die kleineren Probleme, mit denen sich viele schwerbehinderte Menschen im täglichen Dienst konfrontiert sehen“, so Reiner. „Angst vor einem vorzeitigen Dienstzeitende und die fehlenden Information über den Dienst als Schwerbehinderter sind die viel größeren.“
Eine gute Idee
Immer häufiger melden sich schwerbehinderte Menschen bei ihm, die diesbezüglich viele Fragen haben. „Wo muss ich bestimmte Sachen beantragen, was steht mir eigentlich zu, habe ich Nachteile, wenn ich meine Behinderung offen zu gebe?“, erzählt Reiner. Ein Grund warum sich Reiner für eine Seminarreihe stark machte: „Diese Informationen müssen doch einmal allen gebündelt zur Verfügung gestellt werden.“ Der erste Impuls war gesetzt.

Kunst als Krankheitsbewältigung
Ein zufälliges Treffen mit dem Künstler Mike Mathes, brachte ihn dann letztlich auf die Idee eines Seminars für schwerbehinderte Soldatinnen und Soldaten. „Er brachte mich auf den Einfall Kunst als Krankheitsbewältigungsstrategie zu verstehen und auch anderen vorzustellen“, sagt Reiner. „So war der Grundgedanke eines speziellen Seminars geboren.“ Zusätzlich gab der Künstler Reiner die Möglichkeit, Teil seines gemalten Jahreskalenders 2012 zu werden und eine seiner Botschaften bekannter zu machen: „Soldat und Behinderung – Das geht nicht? – Das geht doch!“.

Von der Idee zur Tat
Aus der Idee wurde ein Plan. Reiner holte mit Erfolg seinen Amtschef, den obersten Schwerbehindertenvertrauensmann der Bundeswehr und seinen Dezernatsleiter sowie mehrere soziale Verbandsvertreter ins Boot und entwickelte mit ihnen gemeinsam ein Konzept für ein Seminar. „Ich bin stolz darauf, dass wir vom 4. Oktober bis zum 7. Oktober jetzt das erste Seminar durchführen können“, so Reiner. „Es ist äußerst wichtig, dass wir den schwerbehinderten Menschen Sorge und Nöte nehmen und ihnen alle nötigen Informationen zur Verfügung stellen.“

Viele Betroffene
„Rund 900 schwerbehinderte Soldaten sind in den Streitkräften tätig, die Zahl der zivilen Schwerbehinderten liegt sogar bei circa 9.000“, so Reiner. Diesen will Reiner auf den Seminaren eine Möglichkeit bieten sich auszutauschen und zu informieren, denn das Thema Schwerbehinderung in der Bundeswehr ist aktuell wie nie. „Durch Einsätze haben wir Soldaten mit einsatzbedingter Behinderung – das ist neu“, erklärt Reiner. „Zudem schätze ich die Dunkelziffer derer, die ihre Behinderung nicht offenbaren wollen, sehr hoch ein.“
Dauerhaftigkeit
Fünf Seminare sind bis Ende 2013 geplant. Stabsfeldwebel Reiners Ziel ist dabei klar: Die Seminare müssen dauerhaft in der Bundeswehr eingeführt werden. „Das Interesse ist jetzt schon riesig“, so Reiner. „Viele positive Rückmeldungen aus der Truppe und ein erstes voll ausgebuchtes Seminar kann unsere Projektgruppe schon vorweisen.“ In den anderen Seminaren sind jedoch noch Plätze frei und Reiner hofft auf viele Soldaten, die das wichtige Angebot wahrnehmen.



