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„Dankbarkeit ist ein ganz besonderes Gefühl“

In einer Flüchtlingsunterkunft in Lübeck war Balin Akbar Hamid ein begehrter Anlaufpunkt. Denn der junge Unteroffizieranwärter ist in der Lage, sich mit vielen dieser Menschen in deren Muttersprache zu verständigen. Seine eigene Familie hat eine Fluchtgeschichte, in der sogar Lübeck eine Rolle spielt.

Ein Soldat sitzt an einem Tisch.

Balin Akbar Hamid kann sich in Flüchtlinge gut hineinversetzen. (Quelle: LKdo SH/Junge)Größere Abbildung anzeigen

Ein Containerdorf für Flüchtlinge in Lübeck: Ein Bundeswehrsoldat unterhält sich angeregt mit Bewohnern, die ihn umringen. Später sieht mach den Stabsgefreiten lachend mit Kindern im Containerlager herumtollen. Er spielt mit den jungen Flüchtlingen Fußball. Es ist ganz offensichtlich, dass der Soldat einen guten Draht zu ihnen gefunden hat. Kein Wunder, denn Balin Akbar Hamid ist in der Lage, sich mit den Menschen im Lager in ihrer Sprache zu unterhalten. Er gibt ihnen Auskunft zu alltäglichen Fragen, hört sich ihre Sorgen an. Hamid gehört zu den „helfenden Händen“ der Bundeswehr im Flüchtlingslager, die an vielen Stellen unterstützen, beim Einrichten von Unterkünften, beim Austeilen von Kleidung und Speisen. „Erst waren die Flüchtlinge sehr ängstlich“, sagt der Stabsgefreite. Immerhin hätten diese Menschen in ihrer Heimat sehr schlechte Erfahrungen mit Uniformierten gesammelt: „Ich musste ihnen erst erklären, dass wir da sind, um auch ihnen zu helfen, dass wir nicht einmal bewaffnet sind.“

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Nach einem Tag war Eis gebrochen

Aber der junge Soldat, der zum Bataillon Elektronische Kampfführung 911 im hohen Norden von Schleswig-Holstein gehört, gibt sich viel Mühe, den Flüchtlingen zu erläutern, was die deutschen Soldaten in Lübeck zu tun haben. „Es hat einen Tag gedauert. Dann sind sie alle gekommen und haben ihre Fragen gestellt“, sagt Hamid. Fragen nach der deutschen Staatsbürgerschaft seien gestellt worden: „Es haben sogar einige spontan gefragt, wie sie in Deutschland Soldat werden können, um diese Gesellschaft zu verteidigen.“ Der Stabsgefreite denkt in diesen Gesprächen auch an seine eigene Geschichte: „Wenn ich die Dankbarkeit dieser Menschen sehe, ist das ein ganz besonderes Gefühl für mich.“ Denn den Weg, den viele dieser Flüchtlinge hinter sich haben, ist auch Balin Akbar Hamids Familie gegangen – nur einige Jahre früher.

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Vater bemüht sich um Nachzug

Soldat liest in einer Zeitung.

Bei der aktuellen Zeitungs-Lektüre. (Quelle: LKdo SH/Junge)Größere Abbildung anzeigen

Balin Akbar Hamid wird 1989 in Kirkuk im Nordirak geboren. Der Vater ist Arzt und muss 1998 vor den Häschern des Hussein-Regimes fliehen. Über die Türkei, Griechenland und Bulgarien gelangt er nach Mitteleuropa und wird schließlich in Lübeck aufgenommen. Die Mutter bleibt zunächst mit Balin Akbar und seinen beiden älteren Schwestern bei den Großeltern im Irak. Von Deutschland aus bemüht sich der Vater um den Nachzug seiner Familie. Bis 2001 lebt der Vater von Gelegenheitsjobs in Hotels und Restaurants. Die Anerkennung seiner Approbation scheitert letztlich an den Sprachschwierigkeiten, die er nicht überwinden kann.

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Mutter und Kinder im Gefängnis

Die Mutter kommt mit ihren drei Kindern in die Türkei und lebt sechs Monate in Ankara. Die Kinder müssen Speichelproben abgeben, um durch einen Gentest die leibliche Verwandtschaft mit dem Vater zu beweisen. Der Vater kommt zu seiner Familie, allerdings nur zwei Monate, weil er kein längeres Visum für die Türkei erhält. In Abwesenheit des Vaters erklären die türkischen Behörden die mittlerweile ausgestellten deutschen Papiere der Familie für gefälscht und bringen Mutter und Kinder in Istanbul gemeinsam für zwei Monate ins Gefängnis. Erst als die UNICEF einschreitet und die Gültigkeit der Papiere der Familie bestätigt, werden Mutter und Kinder mit einer lakonischen Entschuldigung aus der Haft entlassen.

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Mit Kredit nach Flensburg

Soldat schreibt etwas an die Tafel.

Lernen für die berufliche Entwicklung. (Quelle: LKdo SH/Junge)Größere Abbildung anzeigen

Mit den letzten Mitteln fliegen Mutter und Kinder nach Frankfurt am Main. Der Vater, der inzwischen in Flensburg lebt, kommt zum Flughafen, hat dann aber kein Geld mehr für die Rückfahrt. Er erhält aber in Frankfurt einen Kredit bei der Bank, der es ihm ermöglicht, mit seiner Familie mit der Bahn nach Flensburg zu fahren. Bis heute hält sich der Vater mit Gelegenheitsjobs, unter anderem als Reinigungskraft, über Wasser. Die Mutter hat keine Ausbildung und kümmert sich um die Kinder. Inzwischen ist eine weitere Schwester dazugekommen.

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Kaum Verbindung in den Irak

Zwei Schwestern haben das Abitur abgelegt, sind verheiratet und befinden sich jeweils in einer Ausbildung. Die jüngste Schwester geht zur Realschule in Harrislee. In der Rückschau, sagt Hamid, habe die gesamte Familie, die nun seit 2001 in Deutschland lebt, „keine Minute“ diesen Schritt, aus dem Irak zu fliehen, bereut. „Wir kannten im Irak zwar ein Wort für Freiheit, aber die Bedeutung haben wir erst in Deutschland gelernt“, sagt Hamid. In den Irak bestehe kaum noch Verbindung, nur zu ein, zwei Freunden sowie zu der noch lebenden Großmutter.

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Selbst „helfende Hände“ erlebt

Soldat sitzt an einem Tisch und liest.

Für den Stabsgefreiten zählt Bildung viel. (Quelle: LKdo SH/Junge)Größere Abbildung anzeigen

Dieses „Gefühl von Freiheit“ sei es gewesen, das in Hamid den Wunsch geweckt habe, diese deutsche Demokratie zu verteidigen: „Und wo kann man das besser als bei der Bundeswehr?“ Er selbst, sagt der Stabsgefreite, habe auch viele „helfende Hände“ erlebt, als er nach Flensburg gekommen sei – zum Beispiel seine Lehrer und Mitschüler, die ihm über die ersten Sprachschwierigkeiten geholfen haben. Nach zwei Jahren habe er seinen Hauptschulabschluss geschafft, danach „mit Bravour“ die Mittlere Reife. „Im Anschluss habe ich gearbeitet“, sagt Hamid. Der Wunsch, sofort zur Bundeswehr zu gehen, sei an der fehlenden deutschen Staatsbürgerschaft gescheitert. Die Staatsbürgerschaft erhielt der junge Balin Akbar Hamid schließlich im Jahr 2012. Und gleich im Oktober des Jahres ließ er sich zur Bundeswehr einziehen – zunächst zur Marine.

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Erste Station: Deutsche Marine

In Stralsund absolvierte Hamid bei der 9. Inspektion der Marinetechnikschule (MTS) seine Grundausbildung. Danach wurde er nach Eckernförde versetzt, zunächst zum Ausbildungszentrum Uboote (AZU), dann zum 1. Ubootgeschwader: „Eine tolle Zeit“, schwärmt er noch heute. Einem Offizier seien seine Sprachkenntnisse aufgefallen. Es folgte eine Kontaktaufnahme mit dem Bataillon Elektronische Kampfführung 911, das erst im April 2013 in Stadum neu aufgestellt worden war. „Stadum hat mir sofort gefallen. Und es ist eine spannende Aufgabe für mich“, sagt Hamid. So wechselte er zur Streitkräftebasis (SKB). Dennoch schlage sein Herz für die Seefahrt, erklärt er lachend.

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Berufsziel ist Bootsmann

Soldat steht vor Schild.

Stabsgefreiter Hamid vor seiner Ausbildungseinrichtung. (Quelle: LKdo SH/Hartmann-Moritzen)Größere Abbildung anzeigen

Mittlerweile büffelt Balin Akbar Hamid als Unteroffizieranwärter in der Flensburger Einrichtung für Zivilberufliche Aus- und Weiterbildung (ZAW) 23 Monate lang Englisch, Mathematik und weiteren Ausbildungsstoff. „Das ist Voraussetzung für meine Beförderung, und ich bekomme das Fachabitur“, sagt Hamid. Hamids Ziel ist es auch, wieder in die Marine-Uniform zu wechseln und Bootsmann zu werden. In der Rückschau hält er seinen Schritt, zur Bundeswehr zu gehen, für absolut richtig. Seine Mutter habe wegen seiner Berufswahl durchaus Ängste gehabt; das habe sich inzwischen gelegt. Und sein Vater unterstütze ihn auch darin. Allen seinen Ausbildern sei er sehr dankbar für ihre Mühe. „Mir fällt in diesem Zusammenhang kein einziger negativer Punkt ein“, betont er: „Zum Beispiel habe ich in der Bundeswehr ausschließlich höfliche und respektvolle Vorgesetzte erlebt. Überall herrschte ein menschlich gutes, geradezu familiäres Klima“, erzählt Hamid: „Das ist sehr wichtig für mich.“ Er ist angekommen in seiner neuen Heimat Deutschland; die Staatsbürgerschaft ist nur das äußere Zeichen dafür.

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Kontakt zu Flüchtlingen

Zu einigen der Flüchtlinge in Lübeck hält der Stabsgefreite weiterhin Kontakt: „Da haben sich in kurzer Zeit mehrere Freundschaften entwickelt“, sagt er. Und so zieht er an Wochenenden die Uniform aus und fährt wieder von Flensburg nach Lübeck, um sich dort mit diesen Freunden zu treffen. „Dann zeige ich ihnen ein bisschen was von Schleswig-Holstein und erzähle von dem Leben hier in Deutschland.“

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Stand vom: 01.07.16 | Autor: 


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