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60 Jahre Vergangenheit und Gegenwart

Dem Jubiläum "60 Jahre Bundeswehr" widmet das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden eine eigene Ausstellung. Im Interview beschreibt der wissenschaftliche Leiter Dr. Gorch Pieken, warum die Sonderausstellungsflächen dieses Mal nicht genutzt werden und warum ihm der Flugabwehr-Raketenpanzer „Roland“ besonders wichtig ist.

Ein Panzer vor dem Portal des Militärhistorischen Museums.

60 Jahre Bundeswehr – auch im Dresdner Museum. (Quelle: MHM/Nick Hufton)Größere Abbildung anzeigen

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Herr Dr. Pieken, wenn am 2. November die neue Sonderausstellung eröffnet wird, erwartet den Besucher ein Überblick über die Geschichte der Bundeswehr. Was wird in der Ausstellung gezeigt und warum sollte man sich gerade jetzt auf den Weg ins Museum nach Dresden machen?

Durch eine Umfrage wissen wir, dass sich die meisten Besucherinnen und Besucher des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr (MHM) für die Geschichte der Bundeswehr interessieren. Diesen und allen anderen interessierten Gästen unserer Sonderausstellung „60 Jahre Bundeswehr“ zeigen wir so viele Bundeswehrobjekte wie nie zuvor in den vergangenen 25 Jahren MHM-Geschichte – darunter besonders viel Militärtechnik. Wir haben eigens für diesen Anlass aus Privatsammlungen seltene Fahrzeuge der Bundeswehrfrühzeit erworben, die nun erstmals ausgestellt werden. Aber auch für diejenigen, die kein Vorwissen mitbringen und sich bisher gar nicht oder nur wenig für die Bundeswehr interessierten, eröffnet die Ausstellung viele Zugänge, um sich der Bundeswehrvergangenheit und -gegenwart – auch kritisch – zu nähern. Das dabei vermittelte Wissen hilft, viele Diskussionen über sicherheitspolitische Entwicklungen der Jetztzeit besser zu verstehen und sich an diesen zu beteiligen.

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Kritische Betrachtung erwünscht

Ein durch eine Mine zerstörtes Bundeswehrfahrzeug.

Ein angesprengter Wolf. (Quelle: MHM/David Brandt)Größere Abbildung anzeigen

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Was unterscheidet die Schau von anderen Sonderausstellungen der letzten Monate und Jahre?

Das Besondere ist, dass wir mit dieser Sonderschau wieder ganz deutlich unser Augenmerk auf die Dauerausstellung richten, die quasi die Herzkammer unserer Museumsarbeit ist. Sie ist der Ausgangspunkt aller kulturhistorischen Tiefenbohrungen und militärgeschichtlichen Präsentationen des MHM. Aber anders als sonst haben wir die Sonderschau „60 Jahre Bundeswehr“ nicht in unserer Wechselausstellungshalle aufgebaut, sondern sind mit ihr in der Dauerausstellung geblieben. 60 Exponate wurden durch ein grafisches Band auf den Vitrinen zur Geburtstagsausstellung der Bundeswehr verbunden. Dass wir nicht nur eine Sonderausstellung eröffnen, sondern gleichzeitig eine online-Präsentation mit einem interaktiven Zeitstrahl und einen handlichen Ausstellungskatalog in Form eines Booklets (in Deutsch und Englisch) veröffentlichen, ist auch ein besonderes Merkmal dieses Projektes, das ganz verschiedene Zielgruppen anspricht und damit die soziale Reichweite des Hauses erheblich vergrößert.

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DDR-Wissenschaftler halfen sammeln

Eine NVA-Stube mit Porträt Erich Honeckers

NVA-Geschichte als Teil der Ausstellung (Quelle: MHM/David Brandt)Größere Abbildung anzeigen

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Für viele Dresdner ist das Militärhistorische Museum noch eng mit seiner Vergangenheit als Armeemuseum der DDR verknüpft. Inwieweit ist diese DDR-Militärgeschichte Teil der Ausstellung zum 60. Jubiläum der Bundeswehr?

Es gibt keinen Schüler mehr in Deutschland, der in der DDR geboren wurde. Und viele Schüler und junge Erwachsene haben die Namen von Erich Honecker oder gar Walter Ulbricht noch nie gehört. Die jungen Besucher und die mittleren Alters haben eigene Erfahrungen nur mit einer deutschen Armee gemacht: der Bundeswehr. Und natürlich ist es auch die Aufgabe des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr, an die Geschichte der Nationalen Volksarmee zu erinnern und sie – so wie die eigene Vergangenheit – historisch-kritisch aufzuarbeiten. Dies geschieht ausführlich in der Dauerausstellung, die den Rahmen unserer Sonderausstellung bildet. In der neuen Schau „60 Jahre Bundeswehr“ spielt das Armeemuseum der DDR aber noch eine besondere Rolle. Denn wir verdanken es der Sammlungstätigkeit der DDR-Wissenschaftler und NVA-Museums-Offiziere, dass die Bundeswehr ihre eigene Geschichte überhaupt ausstellen kann. Das alte Armeemuseum hatte – auf heute nicht mehr nachvollziehbaren Wegen – Muster von Bundeswehruniformen und -waffen gesammelt. Auf diese sind wir angewiesen, wenn wir die frühe Geschichte der Bundeswehr thematisieren. Denn die Bundeswehr hatte bis 1990 kein eigenes Museum und entsorgte in der Regel die eigene materielle Vergangenheit, wodurch sie häufig irreversibel verloren ging.

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Streifzug durch die Bundeswehr-Geschichte

Exponate in einer Vitrine, unter anderem Plakate

Relikte der Vergangenheit (Quelle: MHM/David Brandt)Größere Abbildung anzeigen

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Was sind die besonderen Exponate dieser Ausstellung? Gibt es etwas, was Ihnen sehr am Herzen liegt oder was sie mit Ihrer eigenen Geschichte verbinden?

Es gibt wohl kaum eine deutsche Familie, die nicht einen Angehörigen bei der Bundeswehr hatte, sei es als Berufs- oder Zeitsoldat, als Wehrdienstleistender oder als ziviler Mitarbeiter. Zur Zeit des Kalten Krieges verfügte die Bundeswehr über fast eine halbe Million aktive Soldaten. Ihre Einsatzstärke für den Verteidigungsfall lag inklusive der Reservisten bei rund 1,3 Millionen Mann. Jedes Exponat der Ausstellung ist mit den Erinnerungen von hunderttausenden Deutschen verbunden, die alle zusammen das kommunikative Gedächtnis der Bundeswehr sind. Das Exponat, zu dem ich eine besondere Beziehung habe, ist der Flugabwehr-Raketenpanzer „Roland“, mit dem ich meine gesamte Wehrdienstzeit vom 1. Oktober 1981 bis zum 31. Dezember 1982 verbrachte. Ich habe diese 15 Monate in der Diedenhofen-Kaserne in Wuppertal-Ronsdorf in guter Erinnerung. Wir waren eine Generation junger Männer, die die Innere Führung verinnerlicht hatten, bevor sie das Kasernentor durchschritten und im politisch-historischen Unterricht von ihr hörten. Diese Bundeswehr entsprach unserer Vorstellung von einer Armee im demokratischen Verfassungsstaat. In Abwandlung eines Satzes von Bundespräsident Joachim Gauck waren wir der Überzeugung: „Dies ist eine gute Armee, die beste, die wir in Deutschland jemals hatten.“

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Bewahren und Erhalten

Porträt eines Mannes.

Dr. Gorch Pieken, der wissenschaftliche Leiter des MHM. (Quelle: Anne Weinrich)Größere Abbildung anzeigen

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Ein besonderes Markenzeichen Ihres Museums ist, dass Menschen und ihre Geschichte, die eng mit der Kulturgeschichte der Gewalt verknüpft ist, im Zentrum der Ausstellungen stehen. Welche persönlichen Geschichten aus 60 Jahren Bundeswehr erwarten die Besucher?

Geschichte ist verkörpert in Biografien, die auch in ihren gegensätzlichen Perspektiven die Widersprüchlichkeit und Vielfalt der Wirklichkeit widerspiegeln. Damit die Geschichte Formen der Identifikation mobilisieren kann, muss sie erzählbar sein, bedarf sie der packenden Versinnlichung in Bildern, Geschichten und Personen. Daher haben wir Biografien ausgewählt, die Akteure oder Augenzeugen bestimmter Ereignisse oder Entwicklungen sind, die zu markanten Generationsmarkern wurden: wie zum Beispiel das „Karfreitagsgefecht“, die Aussetzung der Wehrpflicht oder die aktuelle Fluchtbewegung Hunderttausender Menschen nach Deutschland. Für diese Themen aus jüngerer Zeit haben wir – als eine Ergänzung zur Sonderausstellung – fünf Vitrinen ganz neu gestaltet. Und so steht die Figurine eines Scharfschützen mit seinen Waffen, die er während des Karfreitagsgefechts in der Nähe des afghanischen Isa Khel am 2. April 2010 benutzte, neben der Biografie eines Fernmeldeoffiziers im Ebola-Krisengebiet und dem Barett und der Feldbluse von Robert Sedlatzek-Müller. Die hatte er während der Raketenentschärfung vom 6. März 2002 getragen, bei der drei dänische und zwei deutsche Kameraden ums Leben kamen. Aber zu sehen ist auch die Uniform des letzten Wehrdienstleistenden der Bundeswehr aus dem Jahr 2011 und eine Figurine mit der Uniform von Oberstleutnant Elisabeth Landsteiner, die sich als Gleichstellungsbeauftragte auch für „Diversity Management" innerhalb der Bundeswehr einsetzt, das zu einer Stärkung der Leistungsfähigkeit moderner Armeen beiträgt, genauso wie der Infanterist der Zukunft, dessen komplette Ausrüstung gezeigt wird.

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Soldaten stifteten und liehen

Ein Flugzeug vor dem Museum.

Der F-86 Sabre – das erste Jagdflugzeug der Bundeswehr. (Quelle: LKdo SN/Ahrendt)Größere Abbildung anzeigen

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Wo haben Sie all die neuen Exponate erworben und wie gelangen Sie an Ausstellenswertes?

Ohne die persönliche Unterstützung durch aktive oder ehemalige Soldatinnen und Soldaten wäre diese Sonderschau nicht realisierbar gewesen. Der Großteil aller neu hinzugekommenen Exponate wurde von ihnen gestiftet oder geliehen. Die Bundeswehr-Gegenwart zu sammeln, ist nicht einfach, viele Vorschriften stehen dem entgegen, aber auch Strukturen innerhalb der Bundeswehr, die das Sammeln von Museumsobjekten erschweren und oft unmöglich machen.

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Weitere Informationen

Zeitstrahl zur Bundeswehr-Geschichte

Sonderausstellung „60 Jahre Bundeswehr"
Wann: ab 3. November 2015
Wo: Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Olbrichtplatz 2, 01099 Dresden
Öffnungszeiten des Museums:
Täglich 10 bis 18 Uhr
montags 10 - 21 Uhr
mittwochs geschlossen

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Stand vom: 01.07.16 | Autor: 


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