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Mehr als tausend Worte

Tina freut sich. Marco ist zu Besuch. Sie liebt ihn. Bedingungslos! Das tut Marco gut. Er liebt Tina auch. Vor allem deshalb, weil sie ihm keine Fragen stellt.

Nahaufnahme: Menschliche Hand krault einen Hund

„Ich bin bei Dir!“ (Quelle: PIZ SKB/Alpers )Größere Abbildung anzeigen

Marco ist an PTBS erkrankt. Der Infanterist verarbeitet ein traumatisches Erlebnis aus dem Afghanistan-Einsatz. Das habe ihn mächtig aus der Bahn geworfen, erzählt er in jenen Momenten, in denen er in der Lage ist, über sein Leiden zu sprechen.

Mann in sichtlich belasteter Situation fast sich an den Kopf

PTBS - Reaktion auf ein belastendes Erlebnis. (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Erlebnisse als Auslöser

In der Medizin versteht man unter dem Begriff Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) die Entstehung einer verzögerten Reaktion auf ein belastendes einmaliges oder wiederkehrendes negatives Erlebnis. Das klingt zunächst sehr abstrakt. Und doch ist es ein sehr konkretes, emotionales Bild, wenn man sich die Entstehung einer solchen Störung vor Augen führt: Während kriegerischer Auseinandersetzungen werden Soldaten immer wieder mit traumatischen Ereignissen, Verwundung und im schlimmsten Fall mit dem Tod konfrontiert. Dauerbelastungen während des Einsatzes können dazu beitragen, das Erlebte nicht zu verarbeiten – es stattdessen zu verdrängen. Zu Hause kommt der Betroffene scheinbar zur Ruhe. Das ist oft der Zeitpunkt, an dem das Erlebte wieder ins Bewusstsein drängt. „Immer und immer wieder“, erklärt Marco bei seiner Interventionseinheit mit aufgewühlter, zitternder Stimme. Diensthund Tina merkt diese Anspannung und stupst Marco behutsam an, der sofort in ihr Fell greift. „Wann die Erinnerungen wiederkehren, hat man nicht unter Kontrolle.

Wenn das auslösende Ereignis nicht bewältigt wird, kann das Ergebnis PTBS sein. Im Jahr 2014 zum Beispiel, wurden insgesamt 1.697 Behandlungskontakte mit einsatzbedingter PTBS-Diagnose – Neuerkrankungen und Wiedervorstellungen – in den Bundeswehrkrankenhäusern und medizinischen Versorgungszentren verzeichnet.

Bei der leitliniengerechten PTBS-Therapie können Verfahren wie Ergotherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie, Körper- und Bewegungstherapie oder Physiotherapie in den Therapieplan eingebunden werden. Tiergestützte Interventionen gehören bislang nicht zu den etablierten Verfahren, da hier noch Forschungsbedarf besteht.

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Die Bundeswehr hilft

Portraitaufnahme einer Frau und eines Mannes mit Hund

Ein starkes Team. (Quelle: PIZ SKB/Alpers)Größere Abbildung anzeigen

Tina hat mir geholfen!“ Marco krault die Hündin hinter den Ohren. „Menschen gegenüber war ich lange misstrauisch und stets auf Distanz“, erzählt der Hauptfeldwebel sichtlich berührt. Diese Zurückhaltung, diesen inneren Abstand im Umgang mit anderen Menschen, kennt Schwester Gabriele Lippoldt von vielen ihrer Patienten im Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz. „Einige scheitern schon an einfachsten Alltagssituationen, wie zum Beispiel Busfahren oder Einkaufen. Fatal für die Betroffenen, die es zudem schwer haben, ihren Tagesablauf zu strukturieren.“ Um diesen Menschen zu helfen, hat die Bundeswehr im letzten Jahr einen großen Schritt gemacht. 2015 führte die Schule für Diensthundewesen der Bundeswehr gemeinsam mit dem Koblenzer Bundeswehrkrankenhaus den praktischen Teil einer Studie des Sanitätsdienstes durch. Ziel war es, die Möglichkeiten „Hundegestützter Intervention in der Therapie“ zu bewerten und in künftige Therapiepläne zu integrieren. Ähnlich wie dies auch schon bei dem Lehrgang „Sporttherapie für Einsatzgeschädigte“ an der Sportschule der Bundeswehr in Warendorf eingeführt wurde.

Den Impuls gaben einsatzerfahrene Diensthundeführer“, erzählt Oberfeldveterinär Dr. Christiane Ernst, Kommandeurin der Schule für Diensthundewesen der Bundeswehr. „Sie berichten, dass ihre Hunde, wo immer sie eingesetzt wurden, einen positiven Einfluss auf die Menschen hatten.“ 30 Patienten und je zehn ausgewählte Diensthunde-Teams – bestehend aus Diensthundeführer und Diensthund – nahmen im Rahmen ihrer Psychotraumatherapie einmal wöchentlich an den dreistündigen Interventionseinheiten teil. Hier wurden in „Aktivierungsmodulen“ spielerische Übungen aus dem Bereich des Hundesports durchgeführt, mit dem Ziel eine vertrauensvolle Beziehung zu Hund und Diensthundeführer aufzubauen und mit Bewegung, Spaß und gemeinsamer Aktivität eine Ablenkung von der Erkrankung zu erlangen. In einem abschließenden „Beruhigungsmodul“ wurde der Körperkontakt des Patienten zum „vierbeinigen Kameraden“ explizit gefördert, um zur Entspannung beizutragen.

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Der Hund heilt mit

Eine Frau und ein Mann führen einen Hund aus, sind im Gespräch vertieft

Lange Gespräche und Spaziergänge als Therapie. (Quelle: PIZ SKB/Alpers)Größere Abbildung anzeigen

Das Schwanzwedeln eines Hundes helfe mehr, als stundenlanges Gerede von Menschen, erzählt ein weiterer Betroffener. Marco bestätigt das: „Tina fordert mich. Sie fordert mich auf, raus zu gehen und mich um sie zu kümmern. Wir kommunizieren miteinander, aber ich muss dabei nicht reden. Der Hund spürt auch, wenn ich nicht gut drauf bin. Dann ist Tina einfach für mich da.“ Marco denkt darüber nach, sich selber einen Hund anzuschaffen, so positiv wirkten sich die drei Therapiestunden wöchentlich aus. „Ich habe das erste Mal wieder Gefühle gespürt“, sagt Marco, der auch dank Tina heute viel besser über seine Erkrankung sprechen kann. Die als „Flashback“ bezeichneten Erinnerungen an das Belastende, sagt er, seien weniger geworden.

Eine Gesprächssituation

Marco kann heute besser über sein Leiden sprechen. (Quelle: PIZ SKB/Alpers)Größere Abbildung anzeigen

Menschen gegenüber hegen PTBS-Erkrankte oft Misstrauen. Die Tiere sind authentisch und schaffen Vertrauen. Der Hund öffnet sozusagen den Patienten“, berichtet Lippoldt aus den Erkenntnissen der Studie. Marco vermutete in seiner schlimmsten Phase sogar hinter einem bloßen Händedruck einen persönlichen Angriff. Tina gab ihm Selbstvertrauen und Sicherheit zurück. „Die Hunde beruhigen und haben gleichzeitig ein hohes Aufforderungspotential. Das hilft enorm bei der Wiedererlangung bestimmter Kompetenzen“, ergänzt Dr. Ernst, die für die Auswahl der geeigneten Therapiebegleithunde verantwortlich war. „Der Hund muss menschenfreundlich und absolut umweltsicher sein. Wir konnten sogar einige unserer aktiven Diensthunde für den Einsatz als Therapiebegleithund zertifizieren. Grade unsere Labradore, deren eigentlicher Job die Sprengstoffsuche ist, waren besonders gut geeignet.“ Auch einige ausgemusterte Diensthunde – die sogenannten Rentner oder Gnadenbrötler – fanden hier eine neue Aufgabe.

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Wissenschaftlich belegt

Ein Mann mit Hund in Nahaufnahme

Tina hat Marco sehr geholfen. (Quelle: PIZ SKB/Alpers)Größere Abbildung anzeigen

Die klinisch-subjektiven Eindrücke aus der Studie belegen die positiven Einflüsse der hundegestützten Therapie. Die Patienten empfanden in der laufenden Psychotraumatherapie weniger Stress, waren weniger belastet und konnten eine vertrauensvolle Bindung aufbauen. Nicht ohne Stolz blicken die beteiligten Dienststellen auf die Studie zurück. „Das, was hilft, ist die richtige Behandlungsmethode. Dabei muss man offen sein für Neues“, so Flottillenarzt Dr. Dirk Preuße, Psychiater am Zentrum für seelische Gesundheit des Bundeswehrzentralkrankenhauses Koblenz. Der Erfolg der Maßnahme sprach sich schnell herum. Viele Betroffene wollen nun auch von der hundegestützten Therapie profitieren. Für das Krankenhaus und die Schule beginnt damit ein weiteres Stück Arbeit. „Wir haben nun vielversprechende Hinweise auf die Wirksamkeit der tierischen Helfer und hoffen, dies nach Auswertung der gesamten Studie wissenschaftlich belegen und damit zur Einbindung Tiergestützter Interventionen in die Leitliniengerechte Psychotraumatherapie beitragen zu können“, sagt Dr. Ernst. „Tina gibt mir Hoffnung und neuen Lebensmut.

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Stand vom: 29.02.16 | Autor: 


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