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Lehren aus dem Kriegsende 1945 ziehen

Zum Volkstrauertag am 15. November sprach erstmals seit der Wiedervereinigung ein deutscher Offizier im Parlament des Freistaates Sachsen, dem Sächsischen Landtag. Oberst Prof. Dr. Matthias Rogg, Direktor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr, erklärt im Interview, worüber er vor den Abgeordneten und Gästen gesprochen hat.

Porträtfoto des Interviewten.

Oberst Prof. Matthias Rogg. (Quelle: MHM)Größere Abbildung anzeigen

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Oberst Rogg, Sie haben zum Volkstrauertag, am Sonntag, dem 15. November, im Sächsischen Landtag eine Rede gehalten. Wie kam das zustande und warum?

Die Anfrage kam über den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und den Sächsischen Landtag. Dass ein aktiver Soldat vor einem Landesparlament spricht, ist ungewöhnlich und in der Geschichte Sachsens dürfte es gar das erste Mal sein. Es zeigt, welchen Stellenwert die Bundeswehr in Sachsen genießt und das nicht nur, wenn die Elbe Hochwasser führt oder wenn Soldaten als „Helfende Hände“ bei der Unterbringung von Flüchtlingen unterstützen. Es verdeutlicht überdies die hohe Akzeptanz gegenüber den Streitkräften und auch, wie stark die Bundeswehr im Freistaat in der Gesellschaft verwurzelt ist.

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Was bedeutet diese Einladung für Sie persönlich und wo sehen Sie den Bezug zwischen dem Militärhistorischen Museum und dem Volkstrauertag?

Ich empfinde es natürlich als eine große Ehre, an diesem Ort sprechen zu dürfen. Das hat wenig mit meiner Person, aber viel mit der Institution zu tun, für die ich stehe. Natürlich ist das in erster Linie dem Anlass geschuldet, dem Volkstrauertag. Sicher hat es mit der Erinnerung an den 70. Jahrestag des Kriegsendes zu tun. Und vermutlich spielt auch eine Rolle, dass sich das wichtigste Militärhistorische Museum in Deutschland, das zugleich Leitmuseum der Bundeswehr ist, in der sächsischen Landeshauptstadt befindet.

Ein Saal mit kreisförmig angeordneten Sitzreihen.

Plenarsaal des Sächsischen Landtags. (Quelle: Giersch)Größere Abbildung anzeigen

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Der Volkstrauertag wird ja seit 1952 in Deutschland gefeiert und soll an die Kriegstoten und die Opfer von Gewaltherrschaft erinnern. Worüber sprachen Sie als Soldat der Bundeswehr, Historiker und Museumsdirektor vor den Abgeordneten?

Mein Thema war natürlich der bereits erwähnte 70. Jahrestag des Kriegsendes in Deutschland. Als Direktor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden ist dieses Datum sowohl als Historiker als auch als Soldat für mich von immenser Bedeutung. Da sind zum einen die verheerenden Auswirkungen, die der Krieg auf Deutschland hatte – sowohl politisch, als auch wirtschaftlich und sozial. In meiner Rede habe ich zudem über das Kriegsende 1945 in Sachsen gesprochen. Denn die Fokussierung auf Dresden und die Bombennacht des 13./14. Februar 1945 ist einer der Gründe, warum die Geschichte der sächsischen Region am Ende des Krieges kaum bekannt ist. Auch wenn Sachsen kein "Hotspot" in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs war, so sind die Verluste doch furchtbar gewesen. Allein die sowjetischen und von einigen polnischen Truppenteilen unterstützten Verbände verloren vermutlich bis zu 20.000 Mann. Wir haben keine genauen Zahlen zu toten Sachsen, aber auch hier ging die Zahl der Toten in die Tausende. Zudem gab es auch in den letzten Tagen noch zahlreiche Kriegsverbrechen - auf beiden Seiten übrigens. Die Kampfhandlungen auf sächsischem Gebiet waren dennoch weniger intensiv als in anderen Teilen Deutschlands, aber der Freistaat war Ankunftsort für einen Teil der zwölf Millionen Flüchtlinge aus dem Osten. Ein dritter wichtiger Punkt meiner Rede war die Deutung des Zweiten Weltkriegs und die Frage, wie wir heute damit umgehen.

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Sie bezogen in Ihrer Rede zu aktuellen Entwicklungen Stellung, Prof. Rogg?

Die jüngsten Ereignisse in Deutschland, und insbesondere in Sachsen und in Dresden geben größten Anlass zur Sorge. Wohin Rassismus und übersteigerter Nationalismus führen, sollte eine der großen Lehren aus dem Ende des Zweiten Weltkriegs sein. Für mich ist die zunehmende Radikalisierung in unserem Land erschütternd. Der Hass, der in bestimmten Gruppierungen geschürt wird und die tiefsitzende Menschenfeindlichkeit machen mich ratlos. Wenn ich erleben muss, mit welcher Erbarmungslosigkeit Menschen anderer Herkunft, anderen Glaubens oder einer anderen Ethnie ausgegrenzt, geschmäht und physisch attackiert werden – und dies auch teilweise in aller Öffentlichkeit – dann bin ich beschämt. Da fragt man sich zu Recht: Was haben einige aus dem Kriegsende gelernt? Erich Kästner notierte bei seinem Besuch im zerstörten Dresden folgendes: „Gerade wir müssten heute wie nie vorher und wie kein anderes Volk die Wahrheit und die Lüge, den Wert und den Unfug unterscheiden können." Selten waren diese Worte so aktuell wie heute - sie sind Mahnung und Auftrag zugleich.

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Stand vom: 01.07.16 | Autor: 


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